« Hier kann ich leben »
Ich komme aus Eritrea und lebe seit 13 Jahren in der Schweiz. Vor mehr als zehn Jahren habe ich erfahren, dass ich mit HIV lebe. Damals war ich so schwach, dass ich zu Hause auf den Boden fiel. Ich fühlte mich krank und ging ins Spital Uster. Zuerst fanden die Ärzt:innen nichts, aber sie hatten einen Verdacht und machten einen HIV‑Test. Der war positiv.

Selamawit aus Eritrea*
Ich kannte HIV bereits aus Eritrea. Dort nennt man es die «böse Krankheit». Mein Mann, der als Chauffeur arbeitete, ist vermutlich an den Spätfolgen von Aids gestorben. Er hat nie einen Test gemacht, aber für mich war es klar. Er starb im Jahr 2000. Damals gab es keine wirksamen Medikamente in Eritrea. Die Menschen warteten einfach auf den Tod. Ich selbst lebte wahrscheinlich zehn Jahre ohne Therapie, bevor ich die Diagnose bekam.
Heute ist alles anders. Ich nehme meine Medikamente regelmässig, alle drei Monate gehe ich zur Kontrolle. Die Viruslast ist unterdrückt. Mein Arzt sagt, ich könnte sogar ein Kind bekommen, ohne das Virus zu übertragen, wenn ich wollte. Das zeigt, wie sehr sich die Behandlung verbessert hat.
Meine Kinder habe ich über meinen HIV‑Status informiert, als es darum ging, auch sie zu testen. Sie leben alle ohne HIV. Ich spreche mit niemandem über mein HIV – ausser mit meinem Arzt und meinem Pastor. Meinem Pastor habe ich es im Rahmen einer Zeremonie erzählt, bei der wir alle aus demselben Becher getrunken haben. Natürlich weiss ich, dass HIV auf diese Weise nicht übertragen werden kann. Trotzdem war es mir wichtig, mit dem Pastor zu besprechen, ob ich an der Zeremonie teilnehmen darf. Durch sein Einverständnis fühlte ich mich frei.
In meiner Community spreche ich nie über HIV. Ich nehme an vielen Hochzeiten, Taufen und Geburtstagen teil, behalte meinen HIV‑Status aber für mich, weil ich nicht ausgegrenzt und isoliert werden möchte.
Der Zugang zur medizinischen Versorgung in der Schweiz war stets gut. Im Spital gibt es Dolmetscher:innen, ich brauchte keine Hilfe von meinen Kindern. Der Unterschied zu Eritrea ist riesig: Dort gab es keine Medikamente, keine Hoffnung. Hier kann ich leben.
Was wünsche ich mir? Mehr Möglichkeiten für Austausch unter Betroffenen. Viele behalten alles für sich, und das macht krank. Wenn wir reden könnten, wäre das eine grosse Hilfe. Und bessere Information – nicht nur für Betroffene, sondern auch für die Community. Es gibt viel Misstrauen gegenüber Medikamenten. Dabei sind Medikamente der Schlüssel für ein gutes Leben.
Meine Botschaft an andere Migrant:innen mit HIV: Akzeptiert die Situation und nehmt die Behandlung an. HIV ist heute behandelbar. Die grösste Herausforderung ist nicht die Infektion selbst – es sind der Stress und die mentale Belastung durch Stigmatisierung. Wenn wir das überwinden, können wir alle gut leben.
* Name geändert.
Porträt basierend auf einem Interview, geführt von Marlon Gattiker (Aids‑Hilfe Schweiz). Ein herzliches Dankeschön an Tesfalem Ghebreghiorghis (Prävention und Migration, Sexuelle Gesundheit Zürich) für die Organisation des Interviews und das Dolmetschen. Unser Dank gilt zudem der HIV/Aids‑Seelsorge für die freundliche Bereitstellung der Räumlichkeiten.