«HIV hat mir geholfen, in der Schweiz zu bleiben»
Ich komme aus Syrien und lebe seit mehreren Jahren in der Schweiz. Als ich meine HIV‑Diagnose erhielt, traf sie mich völlig unvorbereitet. Ich wusste kaum etwas über HIV und war zutiefst erschüttert. In dieser ersten Zeit war die Unterstützung einer Beratungsstelle entscheidend für mich. Ich wurde dort begleitet, ernst genommen und Schritt für Schritt in die Behandlung eingeführt. Die ersten Monate waren geprägt von Nebenwirkungen, Angst und Unsicherheit, doch mit der Zeit konnte ich die Situation annehmen.

Eduardo aus Syrien*
Von meiner Diagnose erfuhr ich, nachdem ich mit starkem Juckreiz und Fieber in die Schweiz gekommen war. In der Türkei wollte ich mich nicht testen lassen – aus Angst, bleiben zu müssen. Als ich dann hier einen HIV‑Test machte und die Ärzt:innen mir sagten: «Es tut uns leid, Sie sind HIV‑positiv», war ich tagelang wie blockiert. Ich konnte nicht schlafen und verstand die Situation nicht. Erst ein Freund, mit dem ich studiert hatte, erklärte mir, dass ich in einem Land lebe, in dem niemand mehr an Aids sterben muss. Das gab mir Mut. Anfangs musste ich drei Tabletten nehmen, heute nur noch eine.
Als ich im Asylzentrum war, teilte ich mein Zimmer mit vielen anderen Syrern. Ich hatte Angst, dass jemand meine Medikamente sehen oder Fragen stellen könnte. Über eine Freiwillige im Zentrum kam ich zu einer HIV‑Beratungsstelle – ihr vertraute ich zunächst nur an, dass ich homosexuell bin. Sie stellte mir einen sehr liebenswürdigen Sozialarbeiter vor, und das veränderte alles. Er heisst Kandid Jäger, und ich möchte ihm an dieser Stelle für seine grossartige Unterstützung danken.
Der Zugang zur Behandlung in der Schweiz war immer gut. Ich spreche Englisch, hatte tolle Ärzt:innen und wurde stets korrekt und respektvoll behandelt – unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Während des Asylverfahrens erwähnte ich meinen HIV‑Status im Interview. Vor mir sass ein syrischer Dolmetscher. Es war einer der schwierigsten Momente meines Lebens, aber ich musste die Wahrheit sagen. Er versprach, es niemandem zu erzählen. Aufgrund meines Gesundheitszustands erhielt ich später den B‑Ausweis. Manchmal sage ich sogar: HIV hat mir geholfen, in der Schweiz zu bleiben. Es ist ein Teil meines Lebens – ein «Freund», der mich begleitet.
In meiner Community ist HIV stark schambehaftet. Es geht nicht nur um den eigenen Ruf, sondern auch um denjenigen der Familie. Viele glauben, man bekomme HIV nur durch «falsches Verhalten». Das stimmt nicht, doch die Vorurteile sitzen tief. Deshalb sage ich, wenn jemand nach meinen Tabletten fragt: «Das sind Vitamine – wir haben ja wenig Sonne in Europa.» Nur zwei Menschen wissen ausserhalb dieser HIV‑Beratungsstelle von meinem Status.
Was wünsche ich mir? Mehr Information und mehr Offenheit. Familien und Communitys brauchen Wissen, nicht Angst. Gute Beispiele helfen – Menschen, die lange und gesund mit HIV leben. Viele Geflüchtete tragen grosse Lasten mit sich: Krieg, Flucht, Einsamkeit. Wir sollten ihnen sagen: Ihr seid in Sicherheit, ihr habt Zugang zu Therapie, ihr dürft glücklich sein. Und es braucht Sensibilisierung in den Asylzentren – dort leben viele queere Menschen, die nicht geoutet sind. Sie brauchen geschützte Orte und Gespräche. Sexualität gehört zum Leben, und wir müssen darüber sprechen.
Meine Botschaft an alle Menschen mit HIV, die neu in der Schweiz leben: Habt keine Angst. Nehmt eure Medikamente, haltet eure Termine ein – so wie bei PrEP. Bei nicht nachweisbarer Viruslast könnt ihr sogar Kinder bekommen. Und man darf nicht vergessen: Viele Schweizer:innen wissen ebenfalls wenig über HIV. Bildung ist der Schlüssel.
« Es braucht Sensibilisierung in den Asylzentren – dort leben viele queere Menschen. »
* Name geändert.
Porträt geschrieben von Marlon Gattiker, basierend auf einem Interview, geführt von Anja Suter (Aids‑Hilfe Schweiz). Ein herzliches Dankeschön an Tesfalem Ghebreghiorghis (Prävention und Migration, Sexuelle Gesundheit Zürich) für die Organisation des Interviews und das Dolmetschen. Unser Dank gilt zudem der HIV/Aids‑Seelsorge für die freundliche Bereitstellung der Räumlichkeiten.