« Niemand sollte diesen Weg allein gehen müssen »

Ich komme aus Kamerun. Vor einigen Jahren habe ich mein Land verlassen und bin über die Wüste nach Libyen geflohen, wo ich mehrere Jahre lebte. Vor vier Jahren kam ich in die Schweiz. Heute arbeite ich im Gesundheitsbereich, habe eine B‑Bewilligung und lebe mit meiner Tochter, die kürzlich 18 Jahre alt geworden ist. Wir fühlen uns hier grundsätzlich wohl, auch wenn finanzielle Sorgen unseren Alltag manchmal belasten.

Mara aus Kamerun*

Meine HIV‑Diagnose erhielt ich unter sehr schwierigen Umständen. In Libyen war ich in einer Beziehung und wurde schwanger. Meine Tochter wurde per Kaiserschnitt geboren, dabei erhielt ich eine Bluttransfusion. Als der Krieg ausbrach, floh ich mit ihr über das Meer. Wir waren auf einem Boot mit über tausend Menschen. Viele überlebten die Überfahrt nicht. Nach drei Tagen erreichten wir Lampedusa, beide schwer krank. Im Krankenhaus wurde bei mir und meiner Tochter HIV diagnostiziert. Durch das Stillen war das Virus auch auf sie übertragen worden.

Diese Diagnose war ein weiterer tiefer Einschnitt in meinem Leben. Ich sah keinen Ausweg mehr und unternahm einen Suizidversuch. Erst durch psychologische Unterstützung fand ich langsam wieder Kraft und Hoffnung – sie hat mir mein Lächeln zurückgegeben.

In der Schweiz habe ich einen guten Zugang zur medizinischen Versorgung erlebt. Da ich bereits in Italien in Behandlung war, verlief der Übergang reibungslos. Die Ärzt:innen hier betreuen mich sehr gut. Sprachliche Barrieren hatte ich keine, da ich Französisch und Italienisch spreche.

In meiner Community spreche ich nicht über meinen HIV‑Status. In der afrikanischen Community gibt es viele falsche Vorstellungen über HIV, und ich habe Angst vor Ausgrenzung. Deshalb habe ich mich stark zurückgezogen. Unterstützung erfahre ich vor allem durch meinen Arzt, die Aids Hilfe Bern und durch meine Tochter. Sie ist die einzige Person, mit der ich offen über HIV sprechen kann – auch für sie ist das nicht einfach.

HIV prägt meinen Alltag stark. Ich lebe mit vielen Sorgen und mit Einsamkeit. Beziehungen sind zerbrochen, nachdem ich offen über meinen Status gesprochen habe. Mit diesem Geheimnis zu leben, ist schwer, und oft weiss ich nicht, wo ich mich aussprechen kann.

Mein Wunsch ist, dass neu angekommene Migrant:innen frühzeitig medizinisch untersucht werden, damit Infektionen schneller erkannt und behandelt werden können. Und meine Botschaft an andere Menschen mit HIV ist klar: Wartet nicht mit der Behandlung. Heute kann man gut mit HIV leben. Holt euch, wenn nötig, psychologische Unterstützung – sie ist genauso wichtig wie die Medikamente. Und versucht, Menschen zu finden, denen ihr vertrauen könnt. Niemand sollte diesen Weg allein gehen müssen.

* Name geändert.
Interview geführt von Regula Rabbat (Aids Hilfe Bern). Porträt verfasst von Marlon Gattiker (Aids‑Hilfe Schweiz).