Erbe

Es gibt Geschichten, die nicht nur durch Worte weitergegeben werden, sondern durch Präsenz, Gesten, Schweigen und durch Leben, die sich miteinander verweben. Die Geschichte von Sarah und ihrer Grossmutter Antonia ist eine davon. Sie erzählt von generationsübergreifender Weitergabe, von Erinnerung, Solidarität und von jenen unsichtbaren Verbindungen, die die Identität einer Familie leise prägen. Sie erzählt auch von HIV und Aids, von all jenen, die begleitet, unterstützt, gepflegt haben – manchmal über Jahrzehnte hinweg –, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Dieses Erbe, zerbrechlich und zugleich essenziell, verdient es, erzählt zu werden.

von Raphaël Depallens, Aids-Hilfe Schweiz

Vom Erzählen zum Engagement: Sarahs Ausgangspunkt

Als die 18-jährige Sarah Bonzon für ihre Ausbildung eine Arbeit über Lebensgeschichten beginnt, denkt sie sofort an ihre Grossmutter Antonia, die sie Mamita nennt. Sie weiss vage, dass Antonia Menschen mit HIV begleitet hat, dass sie SID'Action kannte (eine Lausanner Organisation, die heute nicht mehr existiert), doch all das bleibt fern, beinahe abstrakt.

Es ist ihr Vater – selbst indirekt durch Erinnerungsarbeit in jungen Jahren und durch das Engagement seiner Mutter geprägt –, der sie ermutigt, dieser Spur nachzugehen.

Und dann wird alles greifbar, als Mamita ihre Erinnerungskisten öffnet: Fotos, Bücher, Archive, Bilder von Quilts, Zeremonien, Gesichter. Eine ganze Welt entfaltet sich.

«Sie hat mir alles gegeben», erzählt Sarah. «Erst da begann ich mich wirklich für das Thema zu interessieren und mich betroffen zu fühlen.»

Antonia: Zwanzig Jahre Begleitung, ein Leben voller Spuren

Antonia selbst glaubt nicht, noch viel zu erzählen zu haben. «Ich habe zwanzig Jahre begleitet», sagt sie. «Und ich tue es noch immer. Es gibt eine Person, die ich seit sechsunddreissig Jahren begleite.»

Eine Überlebende, sagt sie voller Bewunderung: eine 70-jährige Frau, die schwerste Therapien, Begleiterkrankungen und Einsamkeit überstanden hat.

Antonias Geschichte beginnt beinahe zufällig. Ein Arbeitskollege kehrt aus den USA zurück – HIV-positiv. Sie weiss kaum etwas über das Thema. Er hatte sie in einer schwierigen Phase ihres Lebens unterstützt, also beschliesst sie, ihn nun zu begleiten. Gemeinsam suchen sie einen Ort, an dem man über HIV sprechen kann. Sie finden SID'Action. Dort begegnen sie dem Gründer, Freiwilligen und anderen Begleitpersonen.

Nach und nach engagiert sie sich stärker, lernt dazu, bildet sich weiter. Sie beteiligt sich an der Arbeit rund um die Quilts – grosse Gedenkdecken, genäht im Andenken an verstorbene Menschen.

Und sie begegnet Menschen, «aussergewöhnlichen Menschen», wie sie sagt. Manchen nur für wenige Wochen. Viel zu kurz. Sie öffnet ihr Zuhause: Brunchs, Essen, Abende. «Alle gehörten dazu, auch die Kinder.» Es war normal. Es war Leben.

Von Sarah zu Mamita: «Ich bewundere dich so sehr»

Zu Beginn ahnt Sarah nicht, wie gross das Engagement ihrer Grossmutter war. «Ich wusste, dass sie begleitet hat – aber nicht in diesem Ausmass», sagt sie.

Monat für Monat entdeckt sie mehr. Sie hört zu. Sie betrachtet Fotos. Sie verbindet Gesichter mit Geschichten. Sie versteht die emotionale Last, die Kraft, die Beharrlichkeit. Mit grosser Bescheidenheit scheint Antonia fast verlegen über die Bewunderung ihrer Enkelin.

Sarah entdeckt auch die stillen Zonen – das, worüber man nicht mehr sprach, weil es zu schmerzhaft war. Und ohne es zu merken, erhält sie etwas:

– eine Erinnerung

– eine Verantwortung

– einen neuen Blick auf HIV – fern von Vorurteilen und Ängsten, geprägt von einer zutiefst humanistischen Haltung

Ein sichtbares und unsichtbares Familienerbe

Antonias Begleitung hat ihre Familie geprägt – oft, ohne dass es allen bewusst war.

Ihre Tochter und ihr Sohn – Sarahs Vater – wuchsen in einem Haus auf, in dem Menschen mit HIV assen, lachten und einfach sein konnten.

Später arbeitete auch er mit Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen und mit Menschen, die gesellschaftlich ausgegrenzt wurden.

«Ich glaube, die Fürsorglichkeit kommt auch daher», sagt Sarah.

Und sie selbst hat dieses Projekt verändert: «Ich bin heute ein wenig anders als früher. Ich möchte auf meine Weise etwas tun, weitergeben, entdramatisieren, die Realität zeigen.»

Hier liegt das Erbe: eine oft stille, aber tief wirksame Weitergabe.

Das Gewicht des Schweigens und die Realität der Stigmatisierung

Antonia und Sarah sagen es beide: Die Stigmatisierung besteht weiter.

Subtiler als früher, aber ebenso real.

Antonia begegnet Menschen, die isoliert leben und kaum über ihr Leben mit HIV sprechen können – selbst in Umfeldern, in denen sie sich sicher fühlen sollten.

Sarah beobachtet anhaltende Vorurteile, selbst unter jungen Menschen: «Wir sind wenig informiert und sprechen kaum über den Blick auf Menschen mit HIV oder über Stigmatisierung.»

Das Tabu wiegt schwer. Es verhindert Gespräche, Begegnungen und Solidarität. Es nährt grosse Einsamkeit.

Erinnern als aktuelle Verantwortung

Für Antonia ist Erinnerungsarbeit zentral: «Es ist wichtig für die Familien, für die Gesellschaft, damit wir nicht vergessen. Und es gibt so viel daraus zu lernen.»

Sarah ergänzt: «Die Menschen, die gegangen sind, hatten Träume, Leben, Zukunftspläne. Schon ihretwegen müssen wir uns erinnern. Aber auch für jene, die heute mit HIV leben – in einer anderen medizinischen Realität, aber weiterhin mit Angst vor Ablehnung.»

Schluss: Familie schaffen, Erbe weitertragen

Diese Familiengeschichte zeigt: Man erbt nicht nur materielle Dinge.

Man erbt Werte, Sichtweisen, Engagement.

Man erbt die Kämpfe früherer Generationen.

Man erbt auch ihr Schweigen, ihre Verletzungen, ihre Stärke.

Auf ihre Weise führt Sarah diese Geschichte weiter. Sie hat sie empfangen. Sie trägt sie. Und sie gibt sie weiter.

Das ist Erbe: Ein Faden zwischen den Generationen, zerbrechlich und zugleich widerstandsfähig, der uns miteinander verbindet und daran erinnert, dass wir – angesichts von HIV wie auch vieler anderer Herausforderungen – gemeinsam vorankommen, selbst wenn wir nicht direkt betroffen sind.