«So viele Menschen, so viele Geschichten»
Meine Erfahrungen an der Welt-Aids-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro Rio de Janeiro. Eine Stadt, die schon allein durch ihre Grösse, ihre Vielfalt und ihre Energie beeindruckend ist. Und dann mittendrin: die Welt-Aids-Konferenz 2026. Für mich war es eine ganz besondere Erfahrung, dabei sein zu dürfen.

Von: Julia Frömer, Positive Life Advisory Board
Besonders der erste Tag ist mir geblieben. Als ich auf das Konferenzgelände kam, sah ich Menschen aus allen möglichen Ländern. Unterschiedliche Sprachen, Hintergründe und Erfahrungen – und doch waren alle aus einem ähnlichen Grund hier: Sie beschäftigen sich mit HIV und der Frage, wie wir die weltweite HIV-Epidemie beenden können.
Überall gab es Stände von Organisationen und Community-Projekten, Gespräche, Präsentationen und Sessions. Ich habe neue Menschen kennengelernt, Kontakte geknüpft, Gespräche geführt und mir verschiedene Veranstaltungen angehört. Besonders beeindruckt hat mich, wie vielfältig und engagiert die Communityarbeit weltweit ist.
Denn HIV ist für mich nicht nur ein medizinisches Thema.
Natürlich gibt es heute Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten, die vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wären. Menschen mit HIV können mit einer wirksamen Therapie gesund und lange leben. Auch in der Prävention gibt es mit PrEP und anderen Methoden sehr wirksame Möglichkeiten.
Doch während ich in Rio durch die Konferenz ging, wurde mir wieder bewusst, dass dieser Fortschritt längst nicht überall angekommen ist.
Was bringt die beste Therapie, wenn ein Mensch sie nicht bekommen kann?
In vielen Teilen der Welt fehlt Menschen noch immer der Zugang zu HIV-Medikamenten und medizinischer Versorgung. Wo Therapien verfügbar sind, können sie zudem durch hohe Kosten, schwache Gesundheitssysteme oder andere strukturelle Hürden unerreichbar bleiben.
Und manchmal ist es nicht nur eine Frage der Verfügbarkeit.
Manchmal ist es die Angst.
Die Angst davor, dass jemand herausfindet, dass man HIV hat. Die Angst vor Ablehnung, Ausgrenzung oder davor, dass eine HIV-Diagnose das eigene Leben verändert.
Für manche Menschen kommt noch etwas hinzu: ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität.
In Ländern, in denen lesbische, schwule, bisexuelle oder trans Menschen noch immer Diskriminierung oder sogar Verfolgung erleben, kann die Angst vor einem Outing gross sein. Eine HIV-Diagnose kann zusätzlich die Befürchtung auslösen, dass die eigene Sexualität unfreiwillig bekannt wird.
«Was passiert, wenn jemand davon erfährt?»
Eine solche Angst kann dazu führen, dass Menschen sich nicht testen lassen, Präventionsangebote meiden oder notwendige medizinische Hilfe nicht in Anspruch nehmen.
Das hat mich besonders nachdenklich gemacht. Denn medizinischer Fortschritt allein reicht nicht.
Wir können Medikamente entwickeln und immer bessere Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten schaffen. Aber diese Möglichkeiten müssen die Menschen auch erreichen – unabhängig davon, wo sie leben, wie viel Geld sie haben oder wen sie lieben.
Genau deshalb fand ich die Communityarbeit auf der Konferenz so beeindruckend. Ich habe Menschen erlebt, die sich nicht nur mit HIV auseinandersetzen, sondern ganz konkret dafür kämpfen, dass andere Menschen Zugang zu Behandlung und Prävention erhalten, sich sicher fühlen können und ihre Rechte wahrgenommen werden.
Neben den Sessions waren es deshalb vor allem die persönlichen Begegnungen, die mir in Erinnerung bleiben.
Ich habe Menschen aus verschiedenen Ländern kennengelernt, mich mit ihnen unterhalten und ganz unterschiedliche Perspektiven gehört. Manche Gespräche waren nur kurz, andere haben mich länger beschäftigt. Gerade dieser persönliche Austausch hat mir gezeigt, wie unterschiedlich die Realität von Menschen mit HIV weltweit sein kann.
Für mich ist es selbstverständlich, dass HIV behandelt werden kann und dass man medizinische Hilfe bekommt. Doch für andere Menschen ist das keineswegs selbstverständlich.
Diese Erkenntnis nehme ich aus Rio mit.
Die Welt-Aids-Konferenz hat mir gezeigt, wie eng Wissenschaft, Medizin, Politik und Community miteinander verbunden sind. Fortschritt entsteht nicht nur im Labor. Er entsteht auch dort, wo Menschen sich organisieren, ihre Erfahrungen teilen und für ihre Rechte kämpfen.
Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Für die vielen Gespräche, die neuen Kontakte, die unterschiedlichen Perspektiven und all die Eindrücke, die ich aus Rio mitnehme.
Rio hat mir gezeigt, wie viel weltweit bereits bewegt wird.
Und gleichzeitig, wie viel noch vor uns liegt.
Denn niemand sollte davon ausgeschlossen sein, gesund zu leben – nur weil die Person in einem anderen Land geboren wurde, weniger Zugang zu Ressourcen hat, HIV hat oder den Menschen liebt, den sie liebt.
